Längere Stunden arbeiten oder vielleicht doch die Kinderanzahl senken?

Eigentlich war heute ein guter Tag.

Trotzdem ist mir etwas eingefallen, das mir auf der Seele liegt. Und zwar: Weiß die breite Öffentlichkeit eigentlich von wievielen (wiewenigen eigentlich) Menschen ihr Kind betreut wird und in welcher Masse es sich behaupten muss?

Nun ja: Wien sieht vor eine Vollzeitpädagogin und eine 20 Stunden „Hilfskraft“ (unter Anführungszeichen weil diese aufgrund unterschiedlicher Ausbildungen verschieden bezeichnet werden und ich mich noch nicht für eine entscheiden konnte; aber dazu ein andermal) vor.

Was bedeutet das für unser Beispielkind Lilli:

Lilli wird eingewöhnt, vermutlich mit einem Konzept angelehnt an das Berliner Eingewöhnungsmodell (weil das weithin das bekannteste ist). In dieser Zeit liegt ein besonderer Fokus auf ihr und den anderen zu eingewöhnenden. Je nach Pädagogischem Team wird dieser strenger, also regelbewusster, a la räum weg und das ist nicht zum weinen jede/r muss das, oder sanfter und hauptsache sie fühlt sich wohl, wegräumen lernen wir später, ausfallen. In der Hoffnung, dass dann endlich geschafft zu haben verteilt sich der Fokus des Teams wieder etwas besser auf die ganze Gruppe, trotzdem muss es ein Kind schaffen unter 25 herauszustechen um Aufmerksamkeit zu bekommen (oder dies verbal mitteilen, was vielen noch schwer fällt). Dies geht am leichtesten durch das brechen von Regeln – je gefährlicher desto schneller reagiert das pädagogische Team. Natürlich ist das sehr schwarz gemalt; doch ein Körnchen Wahrheit steckt schon drinnen. Auf jeden Fall ist Lilli ja gar nicht so ein Typ, deshalb macht sie voller Freude bei den Angeboten mit und beschäftigt sich sonst eher allein. Als ganz junges Kind, dass sich erst zurecht finden muss wird sie eh noch recht oft gefragt ob alles gut ist und ob sie vielleicht mitgehen möchte die Erbsensamen einpflanzen. Am Nachmittag wenn dann nur mehr eine von den ganz Großen da ist wird es sowieso knapp. Da werden Kinder geholt und Elterngespräche in der Tür geführt, die Jause muss gerichtet werden, dann wieder weggeräumt, der eine oder andere Badezimmerunfall wird beträut und vermutlich hat sich auch jemand ein bisschen weh getan. Aber dazwischen ist immer noch hin und wieder Zeit für ein Buch oder ein paar ermunterte Worte – selten allein mit der Großen aber vielleicht mal in einer kleineren Gruppe wenn die älteren Kinder in Ruhe gemeinsam spielen.

Das zweite Jahr ist dann schon etwas blöder. Da ist sie nämlich nicht mehr neu – da wird von ihr erwartet, das sie die Regeln kennt – und sich an die hält – und auch noch ein Vorbild für die ganz kleinen ist. Die die jetzt viiiiieeel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Aber eine große ist sie auch noch nicht und die dürfen manche Sachen die sie nicht darf – trotzdem muss sie „besser“ sein als die kleinen. Also sucht sie sich etwas wo sie auffällt unter den anderen Kindern, vielleicht auch bei jemand vom pädagogischen Team. Das wird dann sicher kurz bemerkt und darüber gesprochen, vor allem am Vormittag geht das noch, weil da kann Lilli sich noch die eine Große aussuchen die weniger beschäftigt ist. Aber am Nachmittag ist wieder nur eine da und die muss sich um eine von den kleinen kümmern die Heimweh hat, oder einen umgestürztes Glas aufwischen, oder die Kinder suchen die in der Puppenküche alles liegen gelassen haben, oder…egal kaum Zeit für Lilli.

Bei den großen ist es dann wieder ein bisschen besser, wenigstens ist sie jetzt groß. Und sie kennt sich auch wirklich aus. Aber mit großartiger Aufmerksamkeit ist es noch ein bisschen weniger geworden. Jetzt gibt es nämlich die kleinen die sich noch nicht auskennen und die mittleren die sich immer so aufspielen und glauben sie wissen schon alles, dabei machen sie alles verkehrt. Und immer wenn etwas gebraucht wird soll Lilli helfen – sie ist ja schon groß. Jetzt bekommt sie oft Aufmerksamkeit verbunden mit der Bitte um Hilfe: Lilli, beschäftige dich doch mit wem von den mittleren die sind schon wieder so wild? Lilli kannst du den Sessel zurück tragen du bist ja schon so stark? Das ist auch okay aber manchmal würde sie einfach gerne mit einer von den Großen reden und deren ungeteilte Aufmerksamkeit genießen.

Und ich würde auch gern noch mehr auf Lilli eingehen! Aber rechnen wir das durch:

Ein durchschnittlicher Wochentag mit den Kindern dauert bei mir 7,5 Stunden. Die erste Stunde ist kaum Zeit etwas mit den Kindern zu beginnen, da in dieser Zeit Neuankömmlinge begrüßt werden und Anfragen von Eltern entgegen genommen und eventuell auch besprochen werden. Also 6,5 Stunden. Dann ist etwas Zeit in der oft Aktivitäten mit weniger Kindern sind oder auch nur Gespräche oder Spiele mit einzelnen. Danach kommt ein Morgenkreis dabei ist keine Zeit auf die Kinder einzeln einzugehen – es ist eine gemeinsame Aktivität in der Großgruppe, wieder eine halbe Stunde weg. Wir sind bei 5 Stunden. Nach dem Morgenkreis kommen entweder Kurse, oder Angebote im gestalterischen, musischen oder motorischen – eine gute Zeit um sich einzlenen Kindern zu zu wenden. Es kommt aberdann jedoch bald das Mittagesse. 1 Stunde brauchen wir für das Mittagessen und die Putztätigkeiten danach. Um das ganze etwas zu beschleunigen: Nach dem Mittagessen gibt es nocheinmal ein Fenster sich mit einzelnen Kindern gut zu beschäftigen, es wird unterbrochen von in etwa 10 Minuten Elterngesprächen zwischen Tür und Angel, 10 Minuten Hilfe im Badbereich oder Reinigungstätigkeiten im Badbereich und dann brauche ich nochmal 45 Minuten für die Vorbereitung der Jause, das jausnen selbst und die Minuten brauchen wir für die Nachmittagsjause und Putztätigkeiten danach. Bleiben 2 Stunden und  55 Minuten an einem Tag an dem kein weiteres Angebot in einer Klein- oder Teilgruppe geplant ist. (Wenn ich nichts vergessen habe…)

Das sind 6,12 Minuten Aufmerksamkeit pro Kind. Klingt eigentlich gar nicht soo wenig wie ich gedacht hätte. Aber jetzt überlegen wir mal was die Anforderungen an die Arbeit im Kindergarten sind und wie so ein einzelnes Kind gefördert werden sollte:

§ 1. Kindergärten haben die Aufgabe, in Ergänzung zur Familie nach gesicherten Kenntnissen und Methoden der Pädagogik die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit jedes Kindes und seine Fähigkeit zum Leben in der Gemeinschaft zu fördern und es in der Entwicklung seiner körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte zu unterstützen. Das Bildungskonzept ist auf die gemeinsame Bildung und Betreuung von Kindern unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft sowie auf ihre individuelle physische und psychische Eigenart abgestimmt. Lernen erfolgt in einer für das Kind ganzheitlichen und spielerischen Art und Weise in alters- und entwicklungsentsprechenden Sozialformen unter Vermeidung von starren Zeitstrukturen und vorgegebenen Unterrichtseinheiten. Entsprechende Rahmenbedingungen wie ein kindgemäßes Raumangebot sowie entwicklungsadäquates Spiel- und Beschäftigungsmaterial sollen Kinder zu kreativem Tätigsein anregen. In Kindergärten sollen die Kinder durch einen partnerschaftlich demokratischen Führungsstil unabhängig von geschlechtsabhängigen Rollenfixierungen auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten und selbstverantworteten Leben in der Gemeinschaft begleitet werden. Gleichzeitig ermöglichen diese Einrichtungen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen.

http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=LrW&Gesetzesnummer=20000263

 

Na klar. Kein Problem.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s